Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

ganz so ist die Situation heute nicht, wie an jenem 30. August 1942 in Zürich.

Damals hatte die Schweizer Regierung die Anweisung erteilt, Flüchtlinge aus Deutschland – in der Regel jüdische Flüchtlinge – alsbald über die Grenze zurückzuschaffen. Man genierte sich nicht, die Juden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu bezeichnen. „Das Boot ist voll“ lautete die Parole der eidgenössischen Regierung im Jahr 1942. Aber am 30. August gab es ein christliches Jugendtreffen, eine Art kleinen Kirchentag, in Zürich. Als Prediger hatte man Pfarrer Walter Lüthi aus Basel eingeladen. Der sagte: „Ich gönne den Basler Hunden ihr Futter. Aber solange wir in einer Stadt wie Basel einige hundert Hunde durchfüttern, wird die Nahrung wohl auch noch für die Flüchtlinge reichen, die in unser Land kommen.“ Die Maßnahmen der Regierung nannte er „lieblos, heuchlerisch und undankbar“. Den anwesenden Innenminister der Schweiz, Bundesrat Eduard von Steiger, redete er so an: „Lieber Herr Bundesrat, bemüht euch doch auch nicht, unser Gewissen zu beruhigen. Ihr tätet damit unserem Land einen schlechten Dienst.“

Wie gesagt: Ganz so ist unsere Lage nicht wie bei jenem Gottesdienst im August 1942. Ich bin kein Walter Lüthi. Es ist auch, soweit ich sehe, der Herr Innenminister heute nicht anwesend – leider.

Aber manches ist doch ähnlich:

  • Es klopfen Flüchtlinge an unsere Türen aus Ländern, deren Zustände nicht viel besser sind als die deutschen im Jahr 1942.
  • Sogar der Einsatz von Giftgas ist vergleichbar, auch wenn manche in Washington das anders sehen.
  • Und es gibt Menschen, die sagen bei uns: „Das Boot ist voll“ obwohl die wirtschaftliche Situation unseres Landes vielleicht noch nie so gut war wie heute und jedenfalls viel, viel besser als die der Schweiz 1942, die tatsächlich eine Nahrungsmittelknappheit erlebte.
  • Vor allem aber: Ein ruhiges Gewissen können wir nicht haben.

Wir Deutschen haben doch allen Grund zum Verständnis für Flüchtlinge:

Was wäre aus Thomas Mann und seiner Familie geworden, wenn ihn nicht erst die Schweiz und dann die USA aufgenommen hätte? Hier in München war er jedenfalls nicht sicher. Wo wäre Nelly Sachs geblieben, hätte es nicht Schweden gegeben, wo wäre Else Lasker-Schüler ohne die Schweiz, wo Bert Brecht ohne Dänemark und die USA?

Wo wäre heute Edzard Reuter, hätte es nicht die Türkei gegeben? – Ja die Türkei, die nach 1933 jeden Flüchtling aus Deutschland aufnahm und heute, mag die Regierung noch so autoritär sein, knapp 3 Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt und irgendwie versorgt – übrigens mit der Hilfe internationaler Organisationen, die in der Türkei bis jetzt nicht behindert werden.

Selbst der Diktator der Dominikanischen Republik hat 1941 deutsche Juden aufgenommen – unter anderem die wunderbare Hilde Domin.

Ein Deutscher, der nur ein wenig Ahnung hat von der Geschichte unseres Landes, kann nicht anders, als sich für Flüchtlinge zu öffnen.

Ich war stolz darauf, wie meine Landsleute im September und Oktober 2015 die Flüchtlinge begrüßten. Ich war in Jahrzehnten nicht so einverstanden mit meiner Regierung wie damals. Ich bin immer noch stolz auf die vielen Ehrenamtlichen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Ihnen allen möchte ich von ganzem Herzen danken.

Deshalb tut es mir weh, dass wir heute nicht mehr viel von Aufnahme reden, dafür umso mehr von Abschiebung, sogar nach Afghanistan. Und noch mehr weh tut es, wenn ich im Wörterbuch keine andere englische Übersetzung für Abschiebung finde als „deportation“ – Deportation.

Und noch etwas Anderes tut mir weh: das Integrationsgesetz, das der Bayerische Landtag im letzten Dezember mit Mehrheit beschlossen hat. Da wird behauptet, es gebe bei uns eine jüdisch-christliche Tradition. Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat dazu das Nötige gesagt: Es hat in Deutschland leider nie eine jüdisch-christliche Tradition gegeben. Diese Formulierung dient nur dazu, die Muslime auszugrenzen. Ich wehre mich auch gegen die Rede von der „christlichen Leitkultur“. Nur Menschen können Christen sein – keine Länder. Gerade weil ich von meinem Glauben überzeugt bin, möchte ich, dass in unserem Land Platz ist für alle religiösen Überzeugungen: für Juden und Muslime, für Buddhisten und Hindus und auch für unsere atheistischen Freunde. Was man uns von gewissen Seiten aus Glaubensschwäche auslegt, ist in Wahrheit unsere tiefe Überzeugung: Der Staat darf keine einzelne Religion

oder Weltanschauung begünstigen. Deshalb ist dieser Staat noch lange nicht neutral, sondern hoch engagiert für die Würde des Menschen.

Angesichts der Strafverfahren gegen viele evangelische Pfarrer wegen der sogenannten „Förderung illegalen Aufenthalts“ möchte ich eines noch hinzufügen: Der bayerische Landtag hat nicht zu entscheiden, ob Pfarrer für ihr Amt geeignet sind, und bayerische Staatsanwälte entscheiden nicht, ob ein Pfarrer dem Gebot Gottes mehr gehorchen muss als den Ordnungen der Menschen.

Hier können Sie die Rede als PDF runterladen

Rede von Rainer Oechslen – evang.-lutherische Kirche, Bayern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.