Die Redebeiträge der Vollversammlung

Rede von Professor Dr. Werner Schiffauer

Rede bei der Vollversammlung der Unterstützerkreise am 23. April von Professor Dr. Werner Schiffauer

(…)
Ich möchte das in vier Knappen Punkten machen.

1. Und der erste Punkt ist, dass die Willkommensbewegung wie sie sich, vor allem dann ab 2015 in Deutschland aufgestellt hat, eigentlich weniger eine humanitäre Bewegung ist, das ist sie auch und das haben wir gehört, als eine politische Bewegung. Es ist eine zutiefst politische Bewegung . Und das sieht man, wenn man die Projekte einmal vergleichend Revue passieren lässt.

Es zeigt sich nämlich, dass in den Projekten, sozusagen auf kommunaler Ebene zuerst mal, sich die Gesellschaft der Bundesrepublik, die Zivilgesellschaft neu aufgestellt und neuformiert hat.

Es war weit mehr als Hilfe Es war eine Reorganisation der kommunalen, der örtlichen, politischen Kultur, die hier stattgefunden hat und wo oft Zivilgesellschaft und die kommunale Entscheidungsträger, also Bürgermeister, Stadtverwaltungen, an einem Strang gezogen haben, um tatsächlich eine bessere und weltoffenere Stadtgesellschaft zu formieren.

2. Dies hat sich zweitens verbunden mit einem ganz bewussten politischen Engagement gegen Rechts . Die Stadtgesellschaft, die sich so formiert hat, hat ein starkes Motiv und zwar das Feld der geflüchteten Politik nicht den Rechten zu überlassen, sondern dagegen Initiativen aufzustellen und ein klares Signal zu stellen, das sich für eine offene, deutsche Gesellschaft einsetzt.

3. Es war drittens nicht nur ein Fokus auf Mitleid, was wichtig ist, es war darüber hinaus ein Überschreiten dieses Mitleids im Hinblick auf ein starkes Bewusstwerden von globaler Gerechtigkeit . Was wir erlebt haben, ist, dass über diese Geflüchtetenarbeit tatsächlich die globalen Unrechtsstrukturen ins Bewusstsein gerückt wurden und zwar auf einer ganz anderen Weise, als es durch Medien überhaupt möglich ist. Durch die konkrete Begegnung mit Geflüchteten wurden die Einzelnen in einer ganz lebendigen und sehr engen Weise mit dem Elend in Syrien konfrontiert.

4. Sie wurden aber darüber hinaus, und das ist noch viel wichtiger, konfrontiert mit der Ungerechtigkeit in der deutschen Gesellschaft . Die Behandlung der deutschen Verwaltung, des BAMF, der Ausländerbehörden, gegenüber den Geflüchteten wurde von denjenigen, die sich engagiert haben, als tiefes Unrecht empfunden, weil sie den bewussten Erfahrungen, die man gemacht hat, mit den konkreten Anderem, nicht gerecht wurden.

Und damit verband sich ein Bewusstwerdungsprozess, der einmalig in der Nachkriegsgesellschaft war. In der Nachkriegsgesellschaft ist das erste Mal die Frage aufgekommen, ob die Staatsraison, und zwar von der Mittelschicht , nicht von den Randgruppen, ob die Staatsraison tatsächlich der Vernunft letzter Schluss ist, ob die Logik, die immer rechtlich eingeklagt wird: Eine Grenzpolitik ist nur möglich, wenn man auf Abschiebung macht. Wo stehen wir, wenn wir das nicht machen. Ob das wirklich Vernunft ist, oder ob hier wirklich im Namen der Vernunft globale Unvernunft praktiziert wird? Im Namen der Ordnung eine Unordnung gestiftet wird?

Also. Das erste Ergebnis: Die Bewegung ist eine politische Bewegung. Deswegen haben wir sie Bürgerbewegung genannt. Es ist eine Bürger-Bewegung der deutschen Gesellschaft.
Das zweite ist, dass die Stärke dieser Bewegung auch ihre Schwäche ist. Das ist der zweite Punkt. Die Stärke ist, es handelt sich um eine Neuaufstellung der Bundesrepublik, in der eine neue Vision von Gesellschaft, die auf einer praktische alltäglich Ebene , vollzogen wurde.

Hier wurde eine Bürgerinitiative gelebt und gemacht, was sonst, und das ist meine Erfahrung der 68- Bewegung, oft nur von oben und theoretisch verkündet wurde, als ideologisches Konstrukt und als Gesellschaftskritik theoretisch formuliert wurde. Hier wurde das ganz praktisch gelebt. Hier wurde Gesellschaftskritik ganz praktisch gelebt und umgesetzt.

Mit anderen Worten: Wir haben eine politische Bewegung, die ihre Stärke in der Praxis hat.

Und das ist auch wieder eine Schwäche . Die Schwäche dieser Bewegung bestand darin: Ich habe neulich in Fischbachau war ich, bei einem Abendessengespräch gefragt, wo sind denn diese ca. 30% der Deutschen Gesellschaft, die diese Bewegung passiv oder aktiv unterstützen, wo sind die in der Öffentlichen Meinung? Warum treten sich nicht auf?

Und die Antwort war ganz einfach: Die Leute haben keine Zeit.
Die Leute engagieren sich vor Ort in den Gemeinden und haben keine Zeit noch in die Parteien zu gehen.

Das ist wie gesagt die Stärke der Bewegung. Sie hat sich bemerkenswert widerstandsfähig gemacht, vor allem gegenüber dem Druck der öffentlichen Meinung und der politischen Meinung. Sie hat sie aber auch geschwächt, insofern als die Bewegung ihren Widersachern, der Rechte n, das Feld der Meinungsbildung weitgehend überlassen hat.

Tatsächlich hat es die AFD, Pegida, die rechte CSU und so weiter geschafft, das Feld der öffentlichen Meinung zu monopolisieren und etwa, und, das war eines der bemerkenswerten AHA- Erlebnisse, die ich hatte, schon 2015 im Herbst verkündet hat, die Bewegung ist gekippt. Es war absurd. Alle Meinungsumfragen haben zu der Zeit gezeigt, dass die Bewegung keineswegs gekippt ist. Auch jetzt ist sie nicht gekippt. Was wir beobachten ab und zu, dass die Mitte erodiert, dass die Mitte nicht mehr mehrheitlich für uns ist, sondern skeptisch geworden ist, aber die Bewegung ist nicht gekippt!

Es waren die Medien, die das herbeigeredet haben und es war die Politik, die darauf aufgesetzt ist. Und das hält die Bewegung jetzt auf den Füßen, und das eigentlich demotivierende, das zeigen alle Umfragen, in den Bewegungen, das Ermüdende ist, dass die Politik gegen einen die Arbeit unmöglich macht. Es ist nicht die Frustration mit den Geflüchteten. Es ist nicht die Frustration mit den Verbänden der Bundesrepublik. Aber man macht die Erfahrung, dass man einen Arbeitsplatz erkämpft und dann wird die Arbeitserlaubnis nicht gegeben. Oder man setzte sich, wie wir von der Schlauschule gehört, für einen Bildungserfolg ein und dann wird die Ausbildungsplatz verwehrt. Das sind die Probleme, das macht müde und das frustriert.

Und deswegen ist es, und das ist die vierte Folge, so großartig, und deswegen bin ich extra aus Berlin gekommen, dass sich jetzt in diesem Moment, sich eine politische Bewegung formiert . Dass die Personen, die engagiert sind, zusammenkommen um sich sichtbar machen. Und zwar sich Gesamtgesellschaftlich sichtbar machen. Und das muss nun geschehen.

Wir haben eine große Chance: Die Politik ist wahnsinnig beunruhigt was den Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft betrifft. Die Politik ist irritiert davon. Bisher konnte die Politik eine Grundsatzkritik an der Bundesrepublik immer auf die Extremisten schieben. Den Rechten Rand. Linken Rand. Islamischen Rand.
Was hier jetzt stattfindet ist, dass aus der Mitte der Gesellschaft der Protest kommt und das Unbehagen an dieser Politik und an der Nachhaltigkeit dieser Politik.

Das ist das eine und das zweite ist, was hier eingeklagt werden muss, und wo wir kämpfen müssen, ist die Idee der Realität.
Was immer wieder vorgeworfen wird ist, dass diese Bewegung aus unrealistischen Gutmenschen besteht, was eine absurde Unterstellung ist.

Angesichts der Tatsache, dass die Politik sich auf eine Grenzpolitik versteift, die nachgewiesener Maßen nicht nachhaltig ist. Die zum Scheitern verurteilt ist. Früher oder später. Es ist ein Einigeln, das dem Anliegen eines Panzer eines Dinosauriers gleicht, der irgendwann einmal ausgestorben ist.

Was die Bürger-Bewegung im Gegensatz geschafft hat, die Bürgerbewegung, ist es, konkrete Perspektiven auf zu zeigen, wie eine offenere deutsche Gesellschaft gedacht, gemacht und formiert werden kann, und das auf der lokalen Ebene durch zu setzen. Und das ist das Programm, das in diesem Wahljahr irgendwie artikuliert und öffentlich gemacht werden muss.

Die Realisten sind die Vertreter der Bürger-Bewegung, es sind nicht die Politiker, die immer den Realismus für sich reklamieren!

Danke

Rede von Antonia Veramendi – Schulleitung SchlaU-Schule

Antonia Veramendi – Schulleitung SchlaU-Schule: Rede zur 1. Vollversammlung der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe vom 23.4.2017

Wir versammeln uns heute hier, um an die Menschenrechte zu erinnern und diese in unserem Land einzufordern. Traurig und erschreckend zugleich, dass wir uns dazu gezwungen sehen – doch die unerträgliche Stimmungsmache gegen Geflüchtete und die rechtlichen Bestimmungen, die Integration und Teilhabe verhindern, werden wir nicht hinnehmen.

Blind vor Sorge um Wählerstimmen von Wutbürgern und Angstmachern – die doch nur eine Minderheit in der Bevölkerung stellen – missachtet die Bayrische Landesregierung den viel größeren Teil ihrer Mitbürgerinnen und –bürger. Nämlich diejenigen, die die Hauptaufgabe der Gestaltung einer sozialen und friedlichen Gesellschaft schultern. Sie ignoriert dabei auch, dass Integration, das Aufeinander Zugehen und die Hilfe von Menschen für Menschen in dieser Stadt und in den Kommunen dieses Landes längst passieren. Seit Jahren – teilweise seit Jahrzehnten.

Gerade der Verbund von öffentlichen und privaten Initiativen, von ehrenamtlichem und beruflichem Einsatz, bewirkt unvergleichbar viel Engagement, Vision und Professionalität in der Bildungs- und Integrationsarbeit.

Die harte Arbeit, die von allen Beteiligten investiert wird, von Geflüchteten, Ehrenamtlichen, Bildungseinrichtungen und ausbildenden Unternehmen, führt zu großartigen Erfolgen, wie wir sehen.

Auch in diesem Jahr werden beispielsweise an unserer SchlaU-Schule wieder etwa 80 Jugendliche ihren Schulabschluss absolvieren, und viele weitere ihre Ausbildung erfolgreich abschließen. Und das trotz prekärster Lebensumstände.
Die Menschen sind dabei keine Nummern, sondern individuelle Persönlichkeiten wie, Jaru, Hava, Samir und Suleiman. Jede und jeder einzelne geht uns etwas an, lebt hier mit uns, bereichert uns. Es sind junge Menschen mit eigenen Ideen und Träumen und mit unglaublicher Leistungsbereitschaft.

Umso grotesker erscheint die Haltung der Landesregierung.
Statt den hier zusammen Lebenden Mut zu machen und sie zu unterstützen, verfolgt die Regierung eine Abschreckungs- und Ausgrenzungspolitik, die so fatal wie widersinnig ist.
Junge leistungsbereite Menschen werden aus Schulen gerissen und in sogenannten Ausreisezentren zum Nichtstun verdammt. Schülerinnen und Schüler, die in kürzester Zeit ihren deutschen Schulabschluss absolviert haben, werden nicht zur Ausbildung zugelassen. Junge Menschen, die hierher flüchteten, um sich ein neues Leben aufzubauen, sehen sich einer solchen Ausweglosigkeit gegenüber, dass sie sich das Leben nehmen.

Könnt ihr euch vorstellen, dass unter diesen Umständen unterrichten und lernen noch funktioniert? Dass so Bildung und Integration geschehen kann? Bildung – die Grundlage nicht nur der Integration sondern auch die Grundlage einer nachhaltig friedlichen Gesellschaft!

Herr Seehofer, Morgen geben Sie möglicherweise bekannt, dass Sie dieses Land

eine weitere Amtszeit regieren wollen. Wo bleibt Ihr Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft dieses Landes?
Herr Seehofer, schauen sie heute hierher nach München. Und auf all die Helferkreise und Initiativen in diesem Land. Dann sehen Sie, was dort bereits in Eigeninitiative alles geschaffen wurde. Und was Sie mit Ihrer Politik zunichte machen.

Wir fordern Sie daher auf, unterlassen Sie das Schüren von Ängsten und die verbale Hetze auf Kosten der Ärmsten, unterlassen Sie das Erfinden einer Zweiklassengesellschaft für geflüchtete Menschen in Not!

Nehmen Sie die unsägliche Anweisung Ihres Innenministers zurück, die es großen Teilen geflüchteter junger Menschen verbietet eine Ausbildung aufzunehmen. Schließen Sie die unmenschlichen Abschiebelager in Manching und Bamberg und stoppen Sie die Abschiebungen nach Afghanistan.

Sorgen Sie vielmehr dafür, dass jeder geflüchtete junge Mensch sein Menschenrecht auf Bildung wahrnehmen kann. Ein Menschenrecht, das keinen Unterschied darin macht, woher jemand kommt oder wohin jemand geht. Jedem jungen Mensch muss erlaubt werden, einen Beruf zu erlernen und sich damit eine Lebensgrundlage aufzubauen.

Und sorgen Sie dafür, dass die Helferinnen und Helfer ihre Unterstützung zumindest ungehindert, unbürokratisch und unter gesunden Bedingungen leisten können.

Ihr alle – die ihr heute zusammengekommen und bereits aktiv seid – erweist euch als die wirklichen Verantwortungstragenden unserer Gesellschaft! Lasst uns weiter für eine solch verantwortungsvolles, friedliches und solidarisches Miteinander kämpfen!

Rede von Rainer Oechslen – Evang.-lutherische Kirche, Bayern

Rainer Oechslen – evang.-lutherische Kirche, Bayern – Redebeitrag bei der Kundgebung auf dem Marienplatz am Sonntag, 23. April 2017

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
ganz so ist die Situation heute nicht, wie an jenem 30. August 1942 in Zürich.

Damals hatte die Schweizer Regierung die Anweisung erteilt, Flüchtlinge aus Deutschland – in der Regel jüdische Flüchtlinge – alsbald über die Grenze zurückzuschaffen. Man genierte sich nicht, die Juden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu bezeichnen. „Das Boot ist voll“ lautete die Parole der eidgenössischen Regierung im Jahr 1942. Aber am 30. August gab es ein christliches Jugendtreffen, eine Art kleinen Kirchentag, in Zürich. Als Prediger hatte man Pfarrer Walter Lüthi aus Basel eingeladen. Der sagte: „Ich gönne den Basler Hunden ihr Futter. Aber solange wir in einer Stadt wie Basel einige hundert Hunde durchfüttern, wird die Nahrung wohl auch noch für die Flüchtlinge reichen, die in unser Land kommen.“ Die Maßnahmen der Regierung nannte er „lieblos, heuchlerisch und undankbar“. Den anwesenden Innenminister der Schweiz, Bundesrat Eduard von Steiger, redete er so an: „Lieber Herr Bundesrat, bemüht euch doch auch nicht, unser Gewissen zu beruhigen. Ihr tätet damit unserem Land einen schlechten Dienst.“

Wie gesagt: Ganz so ist unsere Lage nicht wie bei jenem Gottesdienst im August 1942. Ich bin kein Walter Lüthi. Es ist auch, soweit ich sehe, der Herr Innenminister heute nicht anwesend – leider.

Aber manches ist doch ähnlich:
– Es klopfen Flüchtlinge an unsere Türen aus Ländern, deren

Zustände nicht viel besser sind als die deutschen im Jahr 1942.
– Sogar der Einsatz von Giftgas ist vergleichbar, auch wenn

manche in Washington das anders sehen.

– Und es gibt Menschen, die sagen bei uns: „Das Boot ist voll“ obwohl die wirtschaftliche Situation unseres Landes vielleicht noch nie so gut war wie heute und jedenfalls viel, viel besser als die der Schweiz 1942, die tatsächlich eine Nahrungsmittelknappheit erlebte.

– Vor allem aber: Ein ruhiges Gewissen können wir nicht haben. Wir Deutschen haben doch allen Grund zum Verständnis für Flüchtlinge:

Was wäre aus Thomas Mann und seiner Familie geworden, wenn ihn nicht erst die Schweiz und dann die USA aufgenommen hätte? Hier in München war er jedenfalls nicht sicher. Wo wäre Nelly Sachs geblieben, hätte es nicht Schweden gegeben, wo wäre Else Lasker-Schüler ohne die Schweiz, wo Bert Brecht ohne Dänemark und die USA?

Wo wäre heute Edzard Reuter, hätte es nicht die Türkei gegeben? – Ja die Türkei, die nach 1933 jeden Flüchtling aus Deutschland aufnahm und heute, mag die Regierung noch so autoritär sein, knapp 3 Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt und irgendwie versorgt – übrigens mit der Hilfe internationaler Organisationen, die in der Türkei bis jetzt nicht behindert werden.

Selbst der Diktator der Dominikanischen Republik hat 1941 deutsche Juden aufgenommen – unter anderem die wunderbare Hilde Domin.

Ein Deutscher, der nur ein wenig Ahnung hat von der Geschichte unseres Landes, kann nicht anders, als sich für Flüchtlinge zu öffnen.

Ich war stolz darauf, wie meine Landsleute im September und Oktober 2015 die Flüchtlinge begrüßten. Ich war in Jahrzehnten nicht so einverstanden mit meiner Regierung wie damals. Ich bin immer noch stolz auf die vielen Ehrenamtlichen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Ihnen allen möchte ich von ganzem Herzen danken.

Deshalb tut es mir weh, dass wir heute nicht mehr viel von Aufnahme reden, dafür umso mehr von Abschiebung, sogar nach Afghanistan. Und noch mehr weh tut es, wenn ich im Wörterbuch keine andere englische Übersetzung für Abschiebung finde als „deportation“ – Deportation.

Und noch etwas Anderes tut mir weh: das Integrationsgesetz, das der Bayerische Landtag im letzten Dezember mit Mehrheit beschlossen hat. Da wird behauptet, es gebe bei uns eine jüdisch-christliche Tradition. Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat dazu das Nötige gesagt: Es hat in Deutschland leider nie eine jüdisch-christliche Tradition gegeben. Diese Formulierung dient nur dazu, die Muslime auszugrenzen. Ich wehre mich auch gegen die Rede von der „christlichen Leitkultur“. Nur Menschen können Christen sein – keine Länder. Gerade weil ich von meinem Glauben überzeugt bin, möchte ich, dass in unserem Land Platz ist für alle religiösen Überzeugungen: für Juden und Muslime, für Buddhisten und Hindus und auch für unsere atheistischen Freunde. Was man uns von gewissen Seiten aus Glaubensschwäche auslegt, ist in Wahrheit unsere tiefe Überzeugung: Der Staat darf keine einzelne Religion

oder Weltanschauung begünstigen. Deshalb ist dieser Staat noch lange nicht neutral, sondern hoch engagiert für die Würde des Menschen.

Angesichts der Strafverfahren gegen viele evangelische Pfarrer wegen der sogenannten „Förderung illegalen Aufenthalts“ möchte ich eines noch hinzufügen: Der bayerische Landtag hat nicht zu entscheiden, ob Pfarrer für ihr Amt geeignet sind, und bayerische Staatsanwälte entscheiden nicht, ob ein Pfarrer dem Gebot Gottes mehr gehorchen muss als den Ordnungen der Menschen.

Rede von Pfarrer Jost Herrmann – Koordinator der Asylhelfer im Landkreis Weilheim

Pfarrer Jost Herrmann – Koordinator der Asylhelfer im Landkreis Weilheim: Rede zur 1. Vollversammlung der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe vom 23.4.2017

Liebe Freundinnen und Freunde,

zuerst einmal herzlichen Dank von uns Organisatoren der oberbayerischen Asylgipfel, Lisa Hogger, Bernhard Rieger und mir an die Organisatoren der Vollversammlung. Sie haben mit dem heutigen Tag Großartiges geleistet.

Einigen von euch und Ihnen sind wir Anfang März auf der Sternfahrt begegnet. Wir hatten uns ja zu einem Foto unter der Bavaria verabredet. 1000 waren gekommen. Das Foto wurde gemacht. Ich hatte dies Foto, wie angekündigt, auf Dina A 1 vergrößert. Dieses sollte, so war der Plan, durch eine kleine Abordnung dem Innenminister übergeben werden, um sichtbar zu machen, wie viele Ehrenamtliche die Tutzinger Resolution unterstützen, die mittlerweile von 250 Helferkreisen unterschrieben wurde. Außerdem wollten und wollen wir mit der bayerischen Staatsregierung in Diskurs treten.

Wie ihr seht: Ich habe es noch. Wir haben alles versucht, um einen Termin zu bekommen . Nichts. Nicht einmal eine höfliche Absage. Schweigen! Entweder die Verwaltung hat die Anfragen über den Integrationsbeauftragten Martin Neumayer, durch unserem Landtagsabgeordneten Harald Kühn, durch die Präsidentin der bayerischen Landessynode, durch das Büro des Staatssekretärs Eck, abgefangen, so dass Minister Herrmann einfach nichts von unseren Anfragen weiß. Dann würde er aber auch keinen Münchner Merkur lesen oder Süddeutsche Zeitung, dann würde er auch kein Radio hören oder die Rundschau anschauen. Oder aber das Verhalten ist nichts anders, als die Arroganz der Macht. Und ich dachte, diese Zeiten wären in der Nach-Strauß-Ära auch in der CSU zu Ende. Ein Kenner der Szene sagte mir schon vor zwei Monaten. „Die werden das Aussitzen. Da müssen Sie einen langen Atem haben.“

Den habe ich – den haben wir! Deswegen seid Ihr / sind Sie auch heute wiedergekommen.

Auf den letzten drei oberbayerischen Asylgipfeln haben wir einige Themen sondiert – der 4. Wird am 8. Juli in München stattfinden. Über diese wollen wir mit Entscheidungsträgern ins Gespräch kommen über

  1. Die Abschiebung nach Afghanistan . Ich finde es heuchlerisch, wenn Dr Sommer aus dem Innenministerium auf der Synode der bayerischen Landeskirche und nun auch in Antwortbriefen an Unterstützer, verkündet, ein Zeichen, dass Afghanistan sicher sei, sei dass offensichtlich 3000 Afghanen sogenannt freiwillig zurückgekehrt seien. Diese Argumentation setzt uns Helfer und auch die Afghanen, die ernsthaft überlegen, unter Druck.
  2. Wir wollen sprechen über das grundsätzliche Arbeitsverbot, das große Gruppen von Asylbewerbern trifft . Davon hat niemand etwas: weder die Asylbewerber, noch die Helfer, die Betriebe, die Wirtschaft, die Bürgermeister und Nachbarn und nicht zuletzt die Steuerzahler.
  3. Die Reduzierung der sog „Ein Euro Jobs“ von 1,05 auf 80 Cent müssen diskutiert werden . Wir hatten eine Erhöhung auf 2,50 erwartet und erhofft.
  4. Der Abbau von dezentralen Unterkünften zu Gunsten von großen Regierungsunterkünften ist kritisch zu hinterfragen.
  5. Hinzu kommt nun die drohende Anrechnung eines Schlafplatzes für Arbeitende in Höhe von 306 Euro. Auf dem freien Mietmarkt würde ein Vermieter der Wucherei angeklagt werden, wenn er ein Zimmer mit vier Personen und einer Dusche für 10 Personen für 300 Euro vermieten würde.
  6. Und das auch noch Rückwirkend: Ich habe von einem Fall in Kreis Landsberg gehört, da muss ein ahnungsloser Asylbewerber ein gutes halbes Jahr rückwirkend zahlen. 2000 Euro!

Das sind nur sechs Punkte von sicher 15, über die wir mit dem Innenminister reden wollen und müssen – mit dem ich übrigens weder verwandt noch verschwägert bin. Warum ignorieren die Verantwortlichen das Wissen und das Gespür von uns Experten an der Basis ? Denn eins kann ich nach vielen Gesprächen mit Geflüchteten und ehrenamtlichen Unterstützern sagen: Diese Repressionen, dieses mürbe machen der Asylbewerber wird kaum bewirken, dass einer freiwillig ins Heimatland zurückgeht, und der Wunsch nach dem „Schlaraffenland Deutschland“ wird durch solche Maßnahmen wohl kaum gebrochen.

Sie erlauben mir als evangelischen Pfarrer zum Schluss einen Vers aus dem Hebräerbrief 13,2 zitieren: Gastfrei zu sein vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

PDF der Rede Schiffauer
PDF der Rede Veramendi
PDF der Rede Oechslen
PDF der Rede Hermann
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